Was ist Gentrifizierung?
Was ist Gentrifizierung?
 
Begriffe, Akteure und Hintergründe

Kapitel 1

Gentrifizierung in Leipzig - nur eine Blase?

Text Christina Schmitt | Videos und Recherche Christina Schmitt und Carolyn Wißing, 15. Dezember 2014

Leipzig ist das neue Berlin, ruft die Republik. Günstige Mieten, Raum für kreative Köpfe und der Charme des Unvollkommenen. Aus Leipzig wurde Hypezig. Die Diskussion in den Medien aber macht nun kehrt: Ist es wirklich so gut, wenn die Stadt weiterwächst? Was bedeutet das für die Mietpreise und den Freiraum? Viele fürchten sich vor einer Stadtentwicklung, die keinen Platz für alle zulässt. Gentrifizierung wurde zum Schreckgespenst. Doch während die einen in ihr eine mögliche Bedrohung sehen, halten andere die Aufwertung bestimmter Stadtteile für dringend notwendig. Und manche glauben, dass die Leipziger gerne auf hohem Niveau jammern – und es so etwas wie Gentrifizierung gar nicht gibt.

"Eine extreme Dynamik für Leipzig"
Norma Brecht und Roman Grabolle
Bürgerverein Stadt für Alle
"Gentrifizierung hat auch viele positive Seiten"
Bertram Schultze
Geschäftsführer der Leipziger Baumwollspinnerei
"Noch nicht einmal in Berlin gibt es Gentrification"
René Hobusch
Stadtrat (FDP), Aufsichtratsmitglied der LWB

Kapitel 2

Verdrängung oder Aufwertung? Der Kampf um die Stadt, der Kampf um die Deutungshoheit

Während Bürgervereine Verdrängung der zahlungsschwächeren Mieter aus den zentrumsnahen Stadtteilen befürchten, glauben Immobilienwirtschaft und manche Stadtpolitiker, dass es Gentrifizierung in Leipzig gar nicht gibt – oder nur sehr begrenzt. Sie bewerten die Stadtentwicklung völlig anders: Heruntergekommene Viertel würden aufgewertet und der Leipziger Wohnungsmarkt normalisiere sich endlich, heißt es. Der Begriff „Gentrifizierung“ ist also politisch umkämpft und zwischen Verdrängung und Aufwertung liegt ein tiefer Graben. Wie die einzelnen Akteure die Prozesse beurteilen, hängt ab von deren Rolle im Stadtentwicklungsprozess, deren Interessen und politischer Gesinnung.

Die Grafik zeigt, welche Akteure bei der Entwicklung der Stadt eine Rolle spielen und wie sie miteinander agieren. Hinter den Karten liegen Videos, in denen die Leipziger Akteure erklären, wer sie sind und was sie tun.

Welche Akteure beeinflussen die Stadtentwicklung?

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Medien

André Hermann
Medienbeobachter, Blogger, Erfinder des Begriffs „Hypezig“
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Bürger / Mieter

Umfrage beim Karli Beben April 2014
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Immobilienwirtschaft / Eigentümer

Michael Rücker
Immobilienmarketing Leipzig
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Initiativen

Norma Brecht und Roman Grabolle
Bürgerverein „Stadt für Alle“ Leipzig
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Stadt
(Politiker & Verwaltung)

Stefan Heinig
Stadtentwicklungsplanung Leipzig
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Kreativwirtschaft

Bertram Schultze
Geschäftsführer der Baumwollspinnerei Leipzig
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Einundleipzig nimmt vor allem die Bürger der Stadt in den Blick. Sie bewegen sich irgendwo zwischen den anderen Akteuren. Die Hausgemeinschaft im Elsterwerk in der Holbeinstraße 28a kämpft darum, trotz teurer Sanierung in ihren Wohnungen bleiben zu können. Julia Klein zog von Berlin nach Leipzig, um sich ihre Traumwohnung in einem Ausbauhaus zu ermöglichen. Und der frühere Bauleiter Bernd Puckelwaldt will ein besseres Image für „sein Grünau“, das eben kein „Monstervorort“ mit hässlichen Plattenbauten ist. Ihre Geschichten sind Versatzstücke einer Stadtentwicklung: nicht nur in puncto Gentrifizierung, sondern auch in Bezug auf andere Phänomene, wie etwa (Re)urbanisierung oder soziale Segregation.

Kapitel 3

Der Blick von außen: Das sagt die Wissenschaft

Der Begriff „Gentrification“ beziehungsweise „Gentrifizierung“ (beide Begriffe werden verwendet) beschreibt ein wissenschaftliches Konzept innerhalb der Stadtsoziologie. Er leitet sich vom englischen Wort „gentry“ ab, das auf Deutsch in etwa „niederer Adel“ heißt. Was Wissenschaftler darunter verstehen, erklären sie in den Videos. Außerdem nehmen sie noch ein weiteres Phänomen in den Blick, das Leipzigs Entwicklung in den letzten zehn Jahren stark beeinflusst hat: Die Reurbanisierung. Dass wir verschiedene Wissenschaftler ihre Definition geben lassen, hat folgenden Grund: Jeder von ihnen setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Während Jan Glatter von einem „Austausch statusniederer gegen statushöhere Bevölkerung“ spricht, beschreibt Dieter Rink die Gentrifizierung als „Verdrängung durch Aufwertung“. Übrigens sind sich die beiden auch darüber uneinig, ob man „Gentrifizierung“ mit „G“ oder “Dsch“ ausspricht („Dsch“, da der Begriff aus dem Englischen kommt). Einig sind sie sich aber darin: Die Aussprache ist wichtig.

Was ist Gentrifizierung?

Dr. Jan Glatter, geographische Wohnungsmarktforschung, Universität Köln
Prof. Dr. Dieter Rink, Stadtsoziologe, Helmholtzzentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig

Der Sozialwissenschaftler Andrej Holm definiert Gentrifizierung als „immobilienwirtschaftliche Inwertsetzung“ (Holm 2013, 11) und „soziale Aufwertung“. Das klingt abstrakt. Wir haben uns an der Beschreibung von Holm orientiert und an einen 3D-Flug durch die Gentrifizierung gewagt. Natürlich ist die Darstellung schemenhaft und geprägt von den Annahmen und Begriffen, die wir so bei Holm gefunden haben. Es gibt sicherlich (siehe die Experten-Videos oben) weitere Auffassungen dazu, was Gentrifizierung ist.

Auf Handys leider nicht darstellbar

Verstärkt wird der Prozess um Aufwertung oft auch dadurch, dass bestimmte Viertel von der Stadt zu Sanierungsgebieten erklärt und in ihrer Entwicklung konkret gefördert werden (Holm 2013, 11). Der Leipziger Westen etwa erhielt ab 2009 Fördermittel durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Die Stadt begründete ihr Förderprogramm damals folgendermaßen:

städtebauliche Missstände und hohe Leerstände von Wohn- und Gewerbeflächen. Besonders problematisch ist die zunehmende Bündelung sozialer Problemlagen im Leipziger Westen, abzulesen an hoher Arbeitslosigkeit, einem hohen Anteil von Transferleistungsempfängern und einer unterdurchschnittlichen Bildungssituation breiter Bevölkerungsteile. Quelle

Heute erklären Wissenschaftler wie der Stadtsoziologe Dieter Rink den Leipziger Westen zum „Hotspot von Aufwertung“. Die Mietpreise bei Neuvermietungen liegen oft im oberen Preissegment. Und diese können sich eher zahlungskräftigere Mieter leisten. Das kann auch eine Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung mit sich bringen, muss es jedoch nicht. So bestehen subkulturelle Nischen trotzdem oft weiter. „Viele Aufwertungsprozesse bleiben auf halbem Wege stecken, ohne dass es zu einer vollständigen Verdrängung der früheren Bewohnerschaft kommt“, schreibt Andrej Holm in seinem Buch „Wir bleiben Alle!“.

Kapitel 4

Die Rückkehr der Stadt: Reurbanisierung

In den 1990er Jahren schrumpften einige deutsche Städte, Nürnberg etwa, aber auch Leipzig. Familien zogen in die Vororte, ins Grüne. Diesen Prozess bezeichnen Wissenschaftler als Suburbanisierung. Seit den 2000ern aber erlebt die Stadt ein Comeback. Denn viele Menschen wollen auf die infrastrukturellen Vorteile einer Stadt nicht verzichten oder haben dort bessere Jobperspektiven. Wissenschaftler sprechen von einer „Reurbanisierung“, die sich auch in Leipzig bemerkbar macht. Die Stadt wächst wieder und zwar stärker als das Umland.

Wie definieren Wissenschaftler „Reurbanisierung“?

Dr. Jan Glatter, geographische Wohnungsmarktforschung, Universität Köln
Prof. Dr. Dieter Rink, Stadtsoziologe, Helmholtzzentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig

Wird Wohnraum in der Stadt teurer, weil es eine größere Nachfrage gibt?

Nicht unbedingt. Auch wenn viele Menschen in die Stadt ziehen und damit auch die Nachfrage an Wohnungen größer wird, muss dies nicht automatisch zu Mietsteigerungen führen. Viele Wissenschaftler, wie etwa Andrej Holm, sehen als Ursache für Gentrifizierung das veränderte Angebot: Etwa wenn die Eigentümer Wohnungen (luxus)sanieren und auf Grund dessen höhere Mieten verlangen. Das hängt nicht zwangsläufig mit einer starken Nachfrage durch Zuzug zusammen. Doch je größer der Druck innerhalb der Stadt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Mietpreise steigen. Erst für einzelne neu sanierte Wohnungen. Später dann auch für Häuser in der Umgebung, die sich den Spitzenpreisen im gefragten Viertel Stück für Stück annähern.

Was kann man untersuchen, um dem Phänomen „Gentrifizierung“ näher zu kommen?

In welchem Umfang bestimmte Ortsteile von Gentrifizierung betroffen sind, lässt sich nicht so einfach sagen. Dafür braucht es viele unterschiedliche Daten, die über einen größeren Zeitraum betrachtet werden. Untersuchen kann man dafür die Mietpreisentwicklung, Zu- und Wegzüge und die Binnenwanderung. Aber auch die Entwicklung von Armutsanteilen, Ausländeranteilen oder dem Altersdurchschnitt geben Aufschluss darüber, wie stark ein Gebiet sich verändert hat. Denn Gentrifizierung geht meist auch mit einer Homogenisierung eines Viertels einher: Die Mischung im Quartier geht verloren. Eine sinkende Zahl von Arbeitslosen oder Migranten könnte ein Indiz für eine derartige Entwicklung sein. Außerdem – das ist zumindest unsere These – zeigt auch ein verändertes Angebot an Geschäften, Veranstaltungen oder Kneipen, dass sich ein Viertel und die Bevölkerung vor Ort verändern beziehungsweise verändert haben.

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Zur Recherche:

Um uns dem Thema Gentrifizierung erst einmal anzunähern, haben wir uns mit Wissenschaftlern und einzelnen Akteuren getroffen. Es war gar nicht so einfach zwischen all den unterschiedlichen Auffassungen und Meinungen, was Gentrifizierung ist und ob es das in Leipzig gibt, bei dem Wust an Informationen durchzusteigen. Wir selbst haben kein Tool entwickelt, um Gentrifizierung „zu messen“. Wir können das gar nicht leisten, da Wissenschaftler sich ein ganzes Leben lang damit beschäftigen. Das „Messen“ der Gentrifizierung ist weit schwieriger und aufwendiger, weshalb wir diesen Job lieber den Profis überlassen (ein Beispiel wie Stadtsoziologen und Geographen Gentrifizierung messen findet sich hier: http://gentrima.lepus.uberspace.de/). Wir stellen eher einzelne Visualisierungen zur Verfügung und versuchen diese mit den aktuellen Ergebnissen aus der Wissenschaft zu verknüpfen.

Für genauere Infos/Quellen:

Holm, Andrej (2013): Wir Bleiben Alle! Gentrifizierung – Städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung, Münster: UNRAST.

Venema, Rebecca (2013): Gentrification in einer ostdeutschen Stadt? Öffentliche Diskurse zu städtischen Aufwertungsprozessen am Beispiel Leipzig (unveröffentlichte Masterarbeit), Leipzig: Universität Leipzig.

GentriMap. Gentrifizierung visualisieren (ein Projekt der Humboldt-Universität zu Berlin): http://gentrima.lepus.uberspace.de/

Förderer:

Robert-Bosch-Stiftung
VOCER Innovation Medialab
... sowie großen Dank an unsere individuellen Förderer